• Roman "Union of Mankind Wahrheit zwischen den Zeilen"
Gerlinde Kohn ist ungewollt schwanger und entschließt sich, das Kind abzutreiben. Nachdem ihr Mann Richard seinen Job verloren hat, steigt sein Aggressionspegel im selben Maß wie sein Alkoholspiegel. Sohn Alexander reagiert abwechselnd mit Panikattacken und vollkommener Apathie. Zur selben Zeit sieht sich Cordula, eine ehemalige Schulkollegin von Gerlinde, am Ziel ihrer Träume: verheiratet mit dem Gynäkologen Thomas Emmerich und endlich schwanger. Hartnäckig versucht sie, seine Affären zu ignorieren und hofft, ihn durch das Kind enger an sich binden zu können.
Nach der Abtreibung, die Dr. Thomas Emmerich an Gerlinde vornimmt, plagen sie Selbstvorwürfe. Sie flüchtet ins Gebet und in ihre Phantasie, in der das Kind noch lebendig ist. Schließlich kommt sie in Kontakt mit Union of Mankind, einer Vereinigung religiös-radikaler Abtreibungsgegner. Unter deren Einfluss steigern sich Gerlindes schizophrene Zustände in zwanghafte Wahnvorstellungen. Sie wird als Aktivistin für Union of Mankind tätig und trifft dabei wieder auf Dr. Thomas Emmerich.
Leseprobe:
Es war ein seltsam warmer Nachmittag, Anfang Dezember. Gerlinde hatte am Vormittag ihre Hausarbeit erledigt und beschlossen, das schöne Wetter für einen Spaziergang zu nutzen. Sie machte Zwischenstation in einer verwahrlosten Kirche, um eine Opferkerze anzuzünden und ein Gebet für ihr ungeborenes Kind zu sprechen. So sehr sie sich auch bemühte, eine Zwiesprache mit Gott wollte an jenem Tag nicht gelingen. Die kalten Mauern, die sie umschlossen, ließen Gerlinde am ganzen Leib zittern. Letztendlich trieb sie eine eigenartige Unruhe aus der Kirche. Die milde Luft im Freien wärmte Gerlinde und bald hörte sie auf zu frieren. Langsam schlenderte sie durch Gassen, die sie nie zuvor gegangen war, und blieb schließlich vor einem Schaufenster, aus dem sie fröhliche Kindergesichter von Plakaten herunter anlachten, stehen. Den Mann in Schwarz, der zwei Meter von ihr entfernt stand, nahm Gerlinde erst wahr, als er sie mit weicher, freundlicher Stimme ansprach.
“Gibt es auf der Welt etwas Schöneres, als glückliche Kinder?“, sagte er mit amerikanischem Akzent.
Er ließ den blutroten Rosenkranz in die Außentasche seines Blazers gleiten und ging einen Schritt auf Gerlinde zu.
“Kinderlachen ist der schönste Klang.“
“Sind wir einer Meinung“, er streckte ihr die Hand entgegen, „mein Name ist Clifford. Ich komme aus Milwaukee.“
“Gerlinde.“ Sein direkter Blick machte sie verlegen und sie sah wieder in die Auslage.
Clifford war das Gegenteil von Richard: groß, sportlich, dunkelhaarig. Sein apartes, ebenmäßiges Gesicht strahlte auf Gerlinde Güte und Liebenswürdigkeit aus. Genau wie sie hatte er schmale, fahle Lippen. Eine kurze, tiefe Narbe am Kinn verstärkte seine geheimnisvolle Ausstrahlung.
“Hast du Kinder?“, fragte er.
“Ja. Und ich bin gerade wieder schwanger.“
“Das ist wundervoll!“, die Begeisterung in seiner Stimme war unüberhörbar.
“Schon, aber ...“, sagte sie leise und drehte ihren Kopf wieder zur Auslage.
“Du hast Probleme?“
“Keine, die sich mit Gottes Hilfe nicht lösen ließen.“ Sie sah ihn an und wagte, in das tiefe Schwarz seiner Augen einzutauchen.
“Du bist gläubig?“
“Ich bin Christin. Römisch-katholisch.“
“Das ist gut. Menschen schöpfen viel Kraft aus ihrem Glauben.“
“Bist du auch Christ?“, wollte Gerlinde den Spieß umdrehen und endlich auf die Frager-Seite gelangen.
“Ich bin in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen.“
“Du wohnst hier?“
“Nicht genau hier. Aber in Wien.“ Er lachte.
“Was hat dich von Milwaukee hierher verschlagen?“
“Der Beruf. Ich hatte die Gelegenheit mir auszusuchen, wo ich arbeiten möchte und so bin ich hier gelandet.“
“Du sprichst sehr gut Deutsch. Wohnst du schon lange hier?“
“Seit drei Jahren. Ich habe in Amerika Kurse besucht und mir sehr viel Mühe gemacht, meinen Akzent loszuwerden. Aber wie du hörst.“ Erneut lachte er.
Sein Lachen klang noch tiefer und satter als der Klang seiner Stimme.
“Ich liebe Sprachen. Deshalb arbeite ich als Übersetzerin für Englisch, Französisch und Italienisch.“
“Großartig! Menschen wie dich brauchen wir in unserer Bewegung.“
“Was für eine Bewegung?“
“Wir retten Menschenleben.“
“Seid Ihr so was wie Ärzte ohne Grenzen?“
“In unserer Bewegung arbeiten viele Ärzte. Aber wir retten nicht nur Menschen, die schon auf der Welt sind, sondern auch die noch keine Stimme haben“, Clifford blickte auf ihren Bauch, „wir beraten Schwangere und helfen Ihnen in Krisensituationen. Du stehst vor unserem Informationszentrum.“
Gerlinde ließ ihren Blick durch die Auslage wandern.
“Willst Du mehr über uns erfahren?“, Clifford reichte ihr eine Broschüre, auf der ein Embryo abgebildet war, „Du kannst jederzeit bei uns vorbeischauen. Wir helfen dir gerne.“
“Woher weißt du ..?“
“Du hast gesagt, du hast Probleme, die sich mit Gottes Hilfe lösen lassen.“
“Hab' ich das?“
“Ich höre aufmerksam zu. Das lernt man bei uns in den Kursen.“
“Ihr gebt Kurse?“
“Das Wichtigste ist Information und die geben wir gerne an alle weiter, die sich dafür interessieren. Kostenlos natürlich.“
“Mein Interesse habt Ihr jedenfalls geweckt.“
“Sehr schön“, Cliffords Augen strahlten, „warte einen Moment! Ich möchte dir ein Buch geben.“ Er verschwand kurz im Informationszentrum und kam mit einem dicken Taschenbuch wieder heraus.
“Was kostet das Buch?“, fragte Gerlinde verlegen und blickte auf den knallroten Einband.
“Unser Informationsmaterial ist gratis.“
“Danke! Bist du jeden Tag hier?“
“Montag, Mittwoch und Freitag. Aber keine Angst. Die anderen sind genau so nett und sympathisch.“
“Na, dann! Vielleicht bis übermorgen.“
“Ich freue mich darauf.“
Gerlinde reichte ihm zum Abschied die Hand und sah ihm noch einmal in die Augen. Dann drehte sie sich rasch um und eilte nach Hause.
Sowohl in der U-Bahn als auch im Bus blätterte Gerlinde in dem Buch, das Clifford ihr geschenkt hatte. Es handelte von Frauen und ihren Erlebnissen vor, während und nach einem Schwangerschaftsabbruch. Mit jeder Geschichte fühlte sie sich zu Cliffords Organisation mehr und mehr hingezogen. So sehr sie die Texte auch aufwühlten, Erinnerungen an die Abtreibung und die verwirrenden Erlebnisse mit Dennis wach werden ließen, so stark fühlte sie, dass Gott sie zu dieser Gemeinschaft geführt hatte. Wer, wenn nicht er, hatte ihre Schritte an jenem Tag durch die Straßen und schließlich direkt vor das Informationszentrum gelenkt? An Zufall glaubte Gerlinde schon lange nicht mehr. Wer sein Leben ganz in Gottes Hand gibt, den führt er seiner Bestimmung entgegen, lautete ihre Überzeugung. Dass sie Clifford getroffen hatte, empfand sie als Beweis, dass sie damit Recht hatte und auf dem richtigen Weg war. Endlich war sie dabei, ihre unausweichliche, göttliche Bestimmung zu erfüllen.
Als Gerlinde die Wohnungstür aufsperrte, lief ihr Alexander entgegen.
“Wo warst du?“, rief Richard von seinem Platz auf dem Sofa.
“Spazieren. Und es hat mir sehr gut getan.“
“Na fein!“, brüllte er, „Wann gibt’s was zu essen?“
“Es ist halb vier.“ Gerlinde begleitete Alexander ins Wohnzimmer.
“Ich habe jetzt Hunger“, sagte Richard.
“Mach dir ein Brot! Zum Bierholen schaffst du’s ja auch in die Küche.“
Richard starrte sie wütend an, doch Gerlinde fürchtete ihn nicht mehr. Sie konnte es förmlich fühlen, wie Clifford ihr den Rücken stärkte. Endlich hatte sie Gleichgesinnte gefunden. Menschen, die sie verstehen und ihr helfen würden.
“Du bist die Frau. Du sorgst für das Essen“, beharrte Richard auf seinem Recht als Patriarch.
“Ich mach dir ein Käsebrot. Deine Wurst und deinen Speck greife ich nicht an.“
“Mami, hilfst du mir bei der Aufgabe?“ Alexander zupfte an ihrem Pullover.
“Gehen wir in dein Zimmer.“ Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie ein wütender Richard seinen Bierbauch aus dem Sofa hievte und in die Küche ging.
Als Alexander mit der Aufgabe fertig war und Gerlinde aus dem Kinderzimmer kam, sah sie, dass Richard zwei Flaschen Bier geleert hatte und in seiner gewohnten Pose vor dem Fernseher herumlungerte. Einmal mehr ignorierte sie seine Anwesenheit und bereitete das Abendessen vor. Alexander trug Teller und Besteck ins Wohnzimmer.
“Du verweichlichst das Kind“, kommentierte Richard lautstark die Tätigkeiten seines Sohnes von der Couch aus.
Gerlinde überging seine Aussage. Diskussionen dieser Art hatte sie jahrelang zur Genüge geführt. Sie nahm seine Vorwürfe, die angebliche Verweiblichung seines Sohnes betreffend schon lange nicht mehr zur Kenntnis.
“Hausarbeit ist Frauensache“, startete Richard einen neuerlichen Streitversuch, als sie das Erdäpfelgulasch brachte.
“Was ist dabei, wenn er mir ein bisschen hilft. Alexander macht sich gerne nützlich. Stimmt’s, mein Schatz?“ Sie streichelte über seinen Kopf und setzte sich neben ihn an den Tisch.
Gemächlich erhob sich Richard mit einer frischen Flasche Bier von der Couch und wanderte zum Esstisch.
“In dem Topf sind Cabernossi. Damit du etwas Ordentliches zum Essen hast“, erklärte Gerlinde ohne den sonst üblichen sarkastischen Unterton.
Wortlos nahm sich Richard vom Gulasch und den Würsten.
“Mami, darf ich mir 'Die Simpsons' anschauen?“
“Musst Du Papa fragen. Vielleicht möchte er was anderes sehen.“
“Papi?“, begann Alexander.
“Mit vollem Mund spricht man nicht“, antwortete Richard und biss genüsslich in ein Stück Wurst.
Alexander machte ein paar eilige Kaubewegungen und schluckte den Bissen rasch hinunter, dann fragte er: “Papi, darf ich mir 'Die Simpsons' ansehen?“
“Von mir aus.“
Im Nu hatte sich Alexander die Fernbedienung vom Couchtisch geholt und zappte zu seiner Lieblingssendung.
“Wie sagt man?“, flüsterte ihm Gerlinde zu.
“Danke!“
Richard nahm sein Danke nickend zur Kenntnis und legte noch ein Stück Cabernossi auf seinen Teller. Gerlinde sah ihn zum ersten Mal seit langem wieder genauer an. Er war sichtlich dicker geworden und schnaubte ob seines Dauerschnupfens beim Essen wie ein Walross. In seinem fettigen Haar schimmerte über der Stirn die erste graue Strähne und um seine Mundwinkel hatten sich tiefe Furchen eingegraben. Richards Gesichtsfarbe war blass und leblos.
“Schöner sind wir beide nicht geworden“, stellte Gerlinde für sich selbst fest.
Richard hatte ihren intensiven Blick bemerkt und hob seinen Kopf. Blitzartig richtete Gerlinde ihre Augen auf den Fernsehapparat.
“Was schaust du mich so blöd an?“, schnaubte er.
“Tu ich ja gar nicht.“
“Du bist fett geworden.“
“Danke!“, sagte Gerlinde beleidigt, doch dann erschrak sie.
Kurz fürchtete sie, dass Richard etwas von ihrem veränderten körperlichen Zustand bemerkt haben könnte. Weil er aber friedlich sein Gulasch löffelte und kein weiteres beleidigendes Kommentar abgab, beruhigte sie sich.
Am übernächsten Tag lieferte Gerlinde Alexander in der Schule ab und begab sich zum Informationszentrum der "Union of Mankind". Den ganzen Weg über klopfte ihr Herz wie wild und sie freute sich auf das Wiedersehen mit Clifford ebenso sehr wie auf die bevorstehende Erfüllung ihrer Berufung. Sie fühlte sich auserwählt und war überglücklich, dass ihr Leben diese Wendung genommen hatte.
“Maria würde sich ärgern, wenn sie wüsste, dass ich Recht behalten habe. Es gibt eine Lösung. Für Alexander und mich und das Baby“, dachte Gerlinde voll Stolz.
Vor dem Eingang atmete sie noch einmal tief durch. Sie räusperte sich, drückte energisch die Klinke hinunter und trat über die Türschwelle hinein in ihr neues Leben.
“Grüß Gott!“, sagte sie laut.
“Grüß Gott!“, erwiderte eine Stimme.
Gerlinde sah sich um und erblickte eine Dame mittleren Alters, die hinter einem Schreibtisch saß.
“Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie und öffnete ihre Lippen zu einem routinemäßigen Lächeln.
“Ich habe hier vorgestern Clifford kennen gelernt. Ist er zufällig da?“
“Leider, im Moment nicht“, sie sah auf die Uhr, „aber er müsste jeden Augenblick eintreffen. Sie können hier auf ihn warten.“
“Sehr nett“, sagte Gerlinde und ließ ihren Blick durchs Zimmer streifen.
“Dort sind Broschüren und Bücher“, die Dame zeigte auf einen langen Tisch an der Wand, auf dem feinsäuberlich geschlichtet eine Unmenge Lesestoff lag, „wenn Sie etwas interessiert, greifen Sie zu! Es ist alles gratis.“
“Sehr großzügig. Vielen Dank.“
Während der nächsten halben Stunde arbeitete sich Gerlinde durch das gesamte Informationsmaterial von "Union of Mankind" und klemmte sich manches davon unter den Arm. Mit jeder Minute, die verstrich, fühlte sie sich wohler und ruhiger. Kein Kirchenbesuch hatte sie jemals so tief berührt, so vollkommen glücklich gemacht. Die Welt da draußen schien nur mehr halb so bedrohlich, weil sie einen Platz gefunden hatte, an dem sie sich geborgen fühlen konnte. Ihre Angst vor der Zukunft, die Schläge der letzten Nacht, ja sogar Richards Existenz hatten an Bedeutung verloren. Das alles gehörte von nun an nicht mehr zu ihrem Leben. Für Gerlinde war ein neues Zeitalter angebrochen.
Im Lauf der Jahre hatte Gerlinde festgestellt, dass jeder Mensch seine eigene Zeitrechnung besaß. Jedem Menschen widerfuhren Ereignisse mit einer für ihn besonderen Bedeutung. Bei manchen war es eine Operation oder ein Unfall, für andere eine Hochzeit oder eine Scheidung. Es konnte die Geburt eines Kindes oder der Wechsel einer Arbeitsstelle, der Verlust eines geliebten Haustieres oder ein anderer, einschneidender Schicksalsschlag sein. Alle diese Ereignisse aber hatten jedoch eines gemeinsam: Sie waren Lebenspunkte, die dem betreffenden Menschen klarmachten, dass nichts wieder so sein würde wie es vorher war. Von nun an würden sich alle weniger bedeutsamen Begebenheiten an diesem Lebenspunkt orientieren.
Für die Christenheit gab es ein ‚vor Christi Geburt’ und ein ‚nach Christi Geburt’. Gerlinde kannte eine Zeit ‚vor Mark’ und eine Zeit ‚nach Mark’, Dagmar teilte ihr Leben in ‚vor Sonjas Fortgehen’ und nach ‚Sonjas Fortgehen’ ein, während Siegfried immer von einem ‚vor Alexanders Geburt’ und ‚nach Alexanders Geburt’ sprach. Für sie selbst hatte nun eine zweite Zeitrechnung begonnen: Die ‚vor Union of Mankind’ und die ‚nach Union of Mankind’.
Als sie tief in Gedanken versunken einen Plastikembryo in ihrer Handfläche streichelte, hörte sie Cliffords Stimme.
“Guten Morgen, meine Liebe!“
Gerlinde drehte ihren Kopf nach links und sah, wie er die Tür hinter sich zuzog. Clifford erblickte sie und strahlte über das ganze Gesicht.
“Schön, dass Du uns besuchen kommst, Gerlinde. Wie ich sehe, hast du dich mit Informationsmaterial eingedeckt.“
“Die nette Dame hat gesagt, ich darf mir nehmen so viel ich will.“ Gerlinde wurde rot.
“Darf ich dir Sabine vorstellen?“
Die Sekretärin von "Union of Mankind" kam lächelnd auf die beiden zu und reichte Gerlinde die Hand: „Wir können ruhig 'du' zueinander sagen.“
“Sabine ist ein Schatz. Sie arbeitet im Sekretariat und hilft, wo sie nur kann. Und sie kann alles.“
“Clifford übertreibt. Alles kann ich wirklich nicht“, entgegnete Sabine und wandte sich an Gerlinde, „nächste Woche startet ein Kurs. Willst du dich anmelden?“
“Lass Gerlinde Zeit! Sie soll uns in Ruhe kennen lernen. Dann sehen wir weiter.“
“Wie du meinst, Cliff“, sagte Sabine ein wenig verstimmt und kehrte an ihren Schreibtisch zurück.
Gerlinde blickte ihr nach und bemerkte, dass Sabines zierlicher Köperbau überhaupt nicht zu ihrem monströs erscheinenden Hinterteil passte.
“Gehen wir ins Besprechungszimmer?“, fragte Clifford und zeigte auf die Tür geradeaus.
Der Raum war hell und geräumig. Um einen ovalen Tisch standen beige Holzsessel. An der Wand dahinter waren dunkelbraune Büroregale angebracht. Schwere, grüne Vorhänge umrahmten zwei große Fenster. Clifford ging voran und nahm in der linken Ecke des Zimmers auf einer orangefarbenen Ledergarnitur Platz. Gerlinde setzte sich ihm gegenüber.
“Ich stelle dir zuerst unsere Organisation vor. Oder wir fangen bei dir an. Ganz wie du möchtest.“
“Bitte erzähl mir von 'Union of Mankind'!“
“Okay, gerne. Der Beginn unserer Bewegung reicht fünfzig Jahre zurück. Angefangen hat alles in einem kleinen, verschlafenen Ort in der Nähe von New York.“
Gerlinde hörte auf Cliffords rauchige Stimme, nahm aber kaum wahr, was er sagte. Zwischendurch vernahm sie Wortfetzen wie: Weltweite Tätigkeit, Abtreibung, Geburtenkontrolle, Ärzte, Lebensretter oder Sterblichkeitsrate. Obwohl er langsam und sehr betont sprach, konnte sie ihm nicht folgen. Zu intensiv waren ihre Gefühle, viel zu bewegt waren ihr Herz und ihr ganzes Sein. Abgesehen davon hatte sie in dem Buch, das ihr Clifford zwei Tage zuvor geschenkt hatte, bereits alles über die Organisation gelesen, was für sie von Bedeutung war. Es kam ihr vor, als ob sie "Union of Mankind" in ihrem Innersten schon ein Leben lang kannte. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich auch nach außen ein Teil davon zu werden und die Botschaft in die Welt hinaus zu tragen.
“Hast du irgendwelche Fragen?“
Gerlinde entschwelgte ihren phantastischen Visionen und antwortete mit einem kräftigen „Nein.“
“Etwas habe ich beinahe vergessen. In der Nähe haben wir eine Wohngemeinschaft für alleinstehende Mütter und ihre Kinder gegründet. Die Frauen müssen keine Miete zahlen und können dort bleiben, solange sie uns brauchen. Manche arbeiten für "Union of Mankind". Wahrscheinlich bist du schon vorbeigegangen. Es ist ein Miethaus mit zwanzig Wohnungen.“
“Das möchte ich unbedingt sehen.“
“Gut, das machen wir als nächstes. Nun zu dir. Willst du über dein Problem sprechen?“, Clifford bemerkte ihre Unsicherheit, „Du musst nicht, wenn du nicht willst.“
Gerlinde blickte auf den Tisch, wo sie die Bücher und Broschüren abgelegt hatte. Sie umfasste ihr goldenes Kreuz und atmete tief durch.
Clifford sprach weiter: “Möchtest du einen Kurs besuchen oder als freie Mitarbeiterin Texte und Bücher für uns übersetzen?“
“Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll.“ Gerlinde blickte zu Boden.
Ihr Herz klopfte vor Aufregung bis zum Hals. Aber sie war fest entschlossen, ihre Chance zu nützen, sich die Schuld von der Seele zu reden.
“Am besten du fängst am Anfang an“, sagte Clifford mit ruhiger, fester Stimme.
“Das ist schon so lang her. Wenn ich dir alles erzähle, dauert das Stunden.“
“Ich habe Zeit.“ Clifford lehnte sich gemütlich zurück.
Als Gerlinde zum Reden ansetzen wollte, klopfte es.
“Ja, bitte!“, sagte er laut.
Sabine steckte vorsichtig den Kopf zur Tür herein und fragte: “Darf ich Euch etwas zu trinken bringen? Saft, Tee oder Kaffee?“
“Du bist ein Schatz. Bring mir bitte Tee! Was möchtest du trinken, Gerlinde?“
“Auch Tee, bitte.“
Sabine nickte und verschwand wieder.
“Angefangen hat alles ganz harmlos, eigentlich ganz normal“, begann Gerlinde, „ich habe vor sieben Jahren geheiratet und bin gleich darauf schwanger geworden.“
“War es ein Wunschkind?“
“Mehr gewünscht als Alexander kann ein Kind gar nicht sein. Aber da war schon das erste Problem. Mein Mann Richard hat sich eine Tochter gewünscht.“
“Das war ein Problem?“ Clifford war sichtlich erstaunt, beinahe entsetzt.
“Für Richard schon. Er dachte, in einer Tochter würde seine Mutter wiedergeboren werden.“
Wieder klopfte es an der Tür und Sabine trat ein. Wortlos stellte sie eine dunkelblaue Thermoskanne samt zwei Tassen auf den Tisch und verließ das Besprechungszimmer.
“Darf ich?“, fragte Clifford, als er zur Kanne griff und sah Gerlinde dabei direkt an.
Sein durchdringender Blick war ihr unangenehm. Sie empfand seine tiefen, schwarzen Augen gleichermaßen faszinierend wie abstoßend. Gerlinde erinnerte sich an die Worte ihrer Großmutter Franziska: ‚Die Augen sind der Spiegel der Seele.’
“Ja, bitte.“ Gerlinde räusperte sich.
“Frosch im Hals?“, Cliffords strenge Augen blieben von seinem Lächeln vollkommen unberührt, „Die Redewendung ist so süß. Da sehe ich immer einen kleinen, grünen Frosch, der aus dem Hals springt, durchs Zimmer hüpft und dabei quakt.“
Gerlinde musste lachen. Trotz der eigentümlichen Kälte in seinem Blick, war ihre letzte Scheu vor Clifford verschwunden und so konnte sie befreit weitererzählen.
“Meine Ehe war nicht gerade das, was man glücklich nennt. Aber Richard hat einen Job gehabt und ich bin voll und ganz in meinem Kind aufgegangen. Kurz vor seinem vierten Geburtstag …“ Gerlinde stockte.
“Lass dir ruhig Zeit!“, hörte sie Clifford sagen.
Ganz bewusst machte sie eine Pause, aber ihre Gedanken wollten sich einfach nicht ordnen, geschweige denn in zusammenhängende Sätze pressen lassen. Sie benahmen sich wie Schmetterlinge auf einer Frühlingswiese. Kaum hatte man sie entdeckt und glaubte, sie fassen zu können, waren sie auch schon wieder außer Reichweite.
“Ich merke, es fällt dir schwer, darüber zu sprechen. Das ist in Ordnung. Du musst es mir nicht erzählen. Weder jetzt noch sonst irgendwann.“
Cliffords Verständnis und ihre Wut über die eigene Unzulänglichkeit, ihre Erinnerung anzukurbeln, trieben Gerlinde Tränen in die Augen. Clifford griff in das Fach unter dem Couchtisch und reichte ihr eine Packung Taschentücher, er sagte: „Wein dich ruhig aus!“
Gerlinde schnäuzte sich und sprach leise weiter: „Richard hat vor zwei Jahren seine Arbeit verloren. Von da an ging es bergab. Er begann zu trinken … Bier und Wein ... literweise. Dann … dann hat … hat er mich geschlagen. Anfangs habe ich mir noch gedacht, er wird sich ändern. Doch er hat immer mehr getrunken und mich immer öfter und immer schlimmer geschlagen.“
“Hat er auch Alexander …?“ Clifford machte ein betroffenes Gesicht.
“Nein! Niemals!“, fiel ihm Gerlinde barsch ins Wort, „Ich hätte Richard umgebracht!“
“Wie ging es weiter?“
“Wir bekamen finanzielle Schwierigkeiten. Also habe ich angefangen, heimlich Übersetzungen zu machen.“
“Heimlich?“
“Richard hat mir verboten, arbeiten zu gehen.“
“Männer und ihr Ego!“ Clifford schüttelte den Kopf.
“Ich habe meine Arbeit vor ihm geheim gehalten. So konnte ich mich und die Kinder irgendwie durchbringen.“
“Kinder?“, wiederholte Clifford.
“Was hab' ich gesagt?“ Verwirrt sah Gerlinde ihn an.
“Du hast 'Kinder' gesagt.“
“Stimmt“, angestrengt dachte sie kurz nach und legte ihre Stirn in Falten, „ich hab' dir noch gar nicht von Dennis erzählt. Er ist zwei. Er ist sehr krank. Dennis hat schweres Asthma.“
“Der Arme!“
“Weil Richard raucht wie ein Schlot, habe ich Dennis schon als Baby sehr viel bei meinen Eltern gelassen. Derzeit lebt er ganz bei ihnen. Sie kümmern sich rührend um ihn und machen sehr teure Therapien mit Dennis. Sie geben irrsinnig viel Geld für sein Asthma aus.“
“Zurück zu deinem Mann. Wie geht es dir im Moment mit ihm?“
“Manchmal bleibt er tagelang von zu Hause weg.“
“Wo ist er dann?“
“Was weiß ich! In irgendeiner abgetakelten Spelunke wahrscheinlich. Zumindest sieht er bei seiner Rückkehr so aus. Da stinkt er nach Rauch und Alkohol, ist unrasiert, ungewaschen.“
“Tut er dir immer noch weh?“
“Er schlägt mich fast jeden Tag. Aber irgendwie habe ich mich daran gewöhnt.“
“Schrecklich.“ Clifford schüttelte den Kopf.
Gerlinde verkniff sich ein Lächeln und biss sich auf die Zunge. Sie war stolz darauf, so viel Entsetzen in ihm ausgelöst zu haben.
“Du musst mir keine Antwort geben, aber die Frage ist naheliegend: Hat er dich schon einmal vergewaltigt?“
“Mehrmals.“
“Furchtbar“, flüsterte Clifford.
“Er hat gedroht, uns umzubringen, wenn ich ihn verlasse. Richard ist imstande und rottet meine ganze Familie aus.“
“Bei uns wird er dich nicht finden.“
“Wie bitte?“
“Du bist doch wieder schwanger, nicht wahr?“
“Ja, bin ich.“
“Für Frauen wie dich haben wir unsere Wohngemeinschaft gegründet. Du kannst bei uns einziehen. Du bist jederzeit herzlich willkommen.“
“Ihr würdet? Das geht? Ich meine, du musst nicht irgendjemanden fragen, ob ich mit Alexander bei euch wohnen darf?“
“Wir können dich noch heute bei Herrn Hinterberger anmelden.“
“Bei wem?“
“Bei Herrn Hinterberger. Er ist der Leiter der Wohngemeinschaft.“
“Das geht mir fast ein bisschen zu schnell. Ich müsste einiges vorbereiten. Der Umzug. Alexander“, sprudelte es aus Gerlinde hervor, „am leichtesten könnte ich ausziehen, wenn Richard ein paar Tage fort ist.“
“Den Zeitpunkt bestimmst du. Unser Haus steht für dich und deine Kinder offen. Vierundzwanzig Stunden am Tag.“
“Dennis müsste ich noch bei meinen Eltern lassen.“
“Ist okay. Wie du willst.“
“Und Richard wird mich bei euch bestimmt nicht finden?“
“Wie soll er dich finden, wenn du ihm die Adresse nicht verrätst?“
“Aber es könnte zufällig passieren, dass ich ihm auf der Straße begegne.“
“Entweder du bleibst eine Zeit lang in der Wohngemeinschaft versteckt oder du nimmst jemanden von uns mit, wenn du fortgehst. Irgendwer hat immer für dich Zeit. Im Moment wohnen einundzwanzig Frauen und Kinder bei uns.“
“Was du da sagst. Das klingt alles viel zu schön, um wahr zu sein.“
“Soll ich dich kneifen?“, Clifford lachte, „Um dich auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen: Ziehst du bei uns ein, dann wirst du für uns arbeiten. Schwer arbeiten.“ Clifford machte eine Pause, um Gerlindes Reaktion abzuwarten.
Erwartungsgemäß reagierte sie mit versteinerter Miene. Lächelnd erhob sich Clifford. Er ging zum Regal mit den Aktenordnern und fischte einen roten heraus.
“Das Manuskript meines ersten Buches. In Englisch“, Clifford legte den aufgeschlagenen Ordner vor Gerlinde auf den Tisch, “es soll in Deutsch, Französisch und, wenn möglich, auch Italienisch übersetzt werden. Und zwar von dir.“
Gerlinde staunte ihn an und stammelte: „Ich … ich soll?“
“Wer sonst? Du bist Übersetzerin. Die Arbeit wird dir über die erste Zeit hinweghelfen. Damit du dir nicht zu viele Gedanken machst.“
In schwarzen, dick gedruckten Lettern las Gerlinde die Überschrift des Buches: „From the very beginning Wann ist der Mensch ein Mensch? By Clifford Elliott.“
“Willst du mein Buch übersetzen?“ Sein Blick traf Gerlinde mitten ins Herz.
Es konnte kein Zufall sein, dass Clifford denselben Nachnamen trug wie ihre große Liebe Mark.
“Es ist mir eine Ehre“, verkündete Gerlinde feierlich.
“Die deutsche Version soll im nächsten Jahr fertig sein. Schaffst du das?“
Vor lauter Freude hätte Gerlinde ihn am liebsten umarmt, doch sie wahrte Fassung und sprach nur ein gerührt-verweintes: „Danke, Clifford! Gott schütze dich!“
Während der nächsten Tage verspürte Gerlinde eine neue Art von Leichtigkeit in ihrem Seelenleben. Alles um sie herum erschien heller. Die Farben leuchteten kräftiger, sogar ihr Gehör war feiner, differenzierter. Plötzlich schmeckte Gerlinde sogar das Essen und sie bekam Angst, dass Richard ihre veränderten Rundungen auffallen könnten. Doch er benahm sich umso grantiger und desinteressierter, je besser es ihr erging.
Alexander benahm sich auffällig anhänglich und ausgesprochen unruhig. Als ob er die Aufbruchsstimmung seiner Mutter fühlen konnte, lief er ihr ständig hinterher und ließ sie keinen Moment aus den Augen.
In ihrer Lieblingskirche entzündete Gerlinde aus Dankbarkeit täglich eine Opferkerze und betete dafür, dass ihr Umzug glatt verlaufen würde. An irgendeinem der nächsten Wochenenden würde Richard mindestens eine Nacht lang abtauchen und ihrem neuen Leben bei "Union of Mankind" stünde nichts mehr im Wege. Ihr erklärtes Ziel war, noch vor Weihnachten in die Wohngemeinschaft zu übersiedeln. Doch die unbestimmte Angst, dass im letzten Augenblick irgendetwas schief gehen könnte, ließ sie nicht los.
An einem windigen, verregneten Freitagvormittag kam Gerlinde vom Einkaufen nach Hause und wunderte sich über die Stille in der Wohnung. Üblicherweise war Richard um diese Zeit längst auf und sah fern. Nachdem sie den Einkaufskorb ausgepackt hatte, kochte sie eine Kanne Tee und setzte sich mit der Tageszeitung ins Wohnzimmer an den Esstisch. Die Schlafzimmertür war verschlossen. Gerlinde lauschte. Kein Schnarchen, kein Stöhnen, kein Knarren, kein Lebenszeichen von Richard. Nachdem sie die Zeitung ausgelesen und die Kanne leer getrunken hatte, ging sie auf Zehenspitzen zur Schlafzimmertür. Sie lehnte ihr Ohr dagegen und horchte auf etwaige Geräusche. War da ein leises Stöhnen? Sie horchte weiter und bemerkte ein lautes Ächzen.
“Richard?“, fragte sie und öffnete die Tür einen Spalt breit, “Was ist los?“
Es kam keine Antwort.
Gerlinde schob die Vorhänge beiseite, gab die Jalousien hinauf und kippte das Fenster.
“Mir tut alles weh, mir ist so heiß“, sagte Richard und stöhnte.
“Du hast einen Kater“, sie sah ihn aus sicherer Entfernung an und erkannte, dass er keinen größeren Kater hatte als sonst um diese Zeit, „vielleicht hast du Fieber.“
“Hol den Arzt! Bitte! Mir geht’s schlecht.“ Seine Stimme klang ungewöhnlich schwach.
“Ich ruf den Notarzt.“ Mit zitternden Knien eilte Gerlinde ins Vorzimmer und wählte die Nummer.
“Immer muss er mir alles verderben“, dachte sie nach dem Telefonat, „warum kann er heute nicht irgendwo absaufen?“
Um die Wartezeit auf den Notarzt zu verkürzen und ihrer Rolle als Ehegattin gerecht zu werden, überreichte sie Richard einen Fieberthermometer und kochte Kamillentee. Seinen durchgeschwitzten, alten Pyjama entsorgte sie im Mistkübel, gab ihm frische Wäsche und überzog das Bett.
“Fenster zu! Mir ist kalt!“, stöhnte Richard und gab ihr das Thermometer zurück.
Es zeigte Neununddreißig Grad. Gerlinde wurde übel und schwindelig zugleich. An der Tür läutete der Notarzt.
“Hoffentlich ist das nicht ansteckend“, sagte sie leise und verließ eilig das Schlafzimmer.
Ein graumelierter Arzt mit Nickelbrille und Schnurrbart trat ein und ging sofort weiter ins Wohnzimmer. Gerlinde rief ihm „rechts im Schlafzimmer!“ hinterher und noch bevor sie den zweiten Mann wahrgenommen hatte, war der auch schon im Wohnzimmer verschwunden. Auf wackeligen Knien ging sie den beiden nach und blieb in der Nähe der Schlafzimmertür stehen. Nervös kaute sie auf ihrer Unterlippe und drehte ihr goldenes Kreuz zwischen den Fingern. Weil der Schwindel nicht nachließ, setzte sie sich an den Esstisch. Der schlaksige, junge Mann drehte sich zu ihr und lächelte.
“Machen Sie sich keine Sorgen! Ihr Mann wird wieder gesund.“
Nach der Untersuchung kam der Arzt auf Gerlinde zu und stellte seine Tasche auf den Esstisch.
“Wahrscheinlich hat Ihr Mann eine Lungenentzündung. Ist er Raucher?“
“Ja, leider.“
“Ich schreibe Ihnen ein Rezept für Antibiotika. Damit muss Ihr Mann heute anfangen und er soll unbedingt die ganze Packung nehmen. Außerdem soll er so schnell wie möglich ein Lungenröntgen machen lassen. Ansonsten ist strenge Bettruhe angesagt. Lüften Sie den Raum zwei Mal täglich und geben Sie ihm viel zu trinken! Auf keinen Fall darf er in der nächsten Zeit rauchen.“
Gerlinde nickte untertänig, dann fragte sie: „Und das Fieber? Muss er nicht ins Spital?“
“Mit der Spritze, die ich ihm gegeben habe, dürfte das Fieber nicht weiter steigen. Holen Sie Antibiotika aus der Apotheke und geben Sie ihm heute noch zwei davon. Ab morgen dann drei über den Tag verteilt. Wenn er Hunger hat, kochen Sie ihm eine Hühnersuppe oder geben Sie ihm gedünstetes Fleisch mit Gemüse. Aber bitte keine Milchprodukte. Alles klar?“ Der Arzt legte das Rezept auf den Tisch und nahm seine Tasche.
Erneut nickte Gerlinde.
“Für den Fall der Fälle. Unsere Nummer haben Sie ja“, sagte er.
Nachdem sie die beiden hinausbegleitet hatte, ging Gerlinde zurück zum Schlafzimmer und blieb dort in der Tür stehen. Richard war eingeschlafen. Mit einem Mal kam er ihr hilflos und verloren vor.
“Richard hat nur mich“, kam es ihr in den Sinn, „er braucht mich. Besonders jetzt. Was macht er ohne mich? Wer kocht für ihn? Wer sorgt sich um ihn? Wer pflegt ihn, wenn er krank ist? Wer hätte heute den Notarzt geholt? Ich kann ihn nicht im Stich lassen.“
Am Montag darauf begab sich Gerlinde ins "Union of Mankind"-Zentrum. Warum sie Clifford gegenüber eine Erklärung für angebracht hielt, wusste sie selbst nicht. Vielleicht war es bloß die Sehnsucht nach der Sicherheit, die ihr die Organisation vermittelte, die sie so schnell wieder dorthin trieb. Beim Öffnen der Eingangstür begrüßte sie Sabine.
“Servus Gerlinde! Schön, dich zu sehen. Ich habe gehört, du wirst Cliffords Buch übersetzen.“
“Das werde ich. Ist er hier?“
“Im Moment hat er eine Besprechung. Aber die wird gleich vorbei sein“, sagte Sabine, „wir könnten inzwischen Tee trinken. Ich hab' Weihnachtskekse gebacken.“
“Ich habe heuer noch gar keine gegessen.“
“Dann wird’s aber Zeit!“, Sabine reichte ihr eine offene Blechdose, „Bedien' dich! Ich koch' uns Tee.“
Gerlinde nahm die Dose und probierte ein dunkles Schokoladekeks mit Marmeladefüllung.
“Na, wie schmeckt’s?“, rief Sabine durch die offene Tür aus dem Nebenzimmer.
“Großartig!“
“Komm näher, dann muss ich nicht so schreien.“
Auf dem Weg zur Küche wanderten noch zwei Keks in Gerlindes Mund.
“Iss so viel du willst! Ich hab' noch kiloweise Keks zu Haus“ Sabine warf die Teemaschine an und stellte zwei Tassen auf die Anrichte, dann drehte sie sich zu Gerlinde und fragte: “Im wievielten Monat bist du?“
“Woher …?“
“Aber das sieht man doch. Du hast dieses spezielle Strahlen in den Augen. So sehen nur Frauen aus, die ein Kind erwarten.“
“Ich bin im fünften Monat.“
“Hast du schon einen Namen?“
“Ich weiß noch nicht mal, was es wird.“
“Mir gefällt Melanie besonders gut und für Buben Sascha“, sagte Sabine.
“Hast du Kinder?“
“Einen Sohn. Er ist fünfzehn.“
“Du bist verheiratet?“
“Geschieden. Mein Mann hat mich vor acht Jahren zu einer Abtreibung gezwungen. Daran ist unsere Ehe zerbrochen.“
“Wohnst du in der Wohngemeinschaft?“
“Das nicht. Ich arbeite in einer Immobilienfirma. Den Großteil meiner Freizeit verbringe ich hier. Unentgeltlich“, Sabine schenkte Tee ein und überreichte ihr die Tasse, „hast du auch eine Abtreibung durchlitten?“
Gerlinde schüttelte heftig den Kopf.
“Sei froh!“, Sabine nahm sich einen Keks, „Setz dich hier auf den Hocker!“
Gerlinde stellte die Keksdose auf die Anrichte und rückte näher zu Sabine, die in Kurzform Keksrezepte von sich gab. Die beiden griffen abwechselnd so lange zu, bis die Dose leer war.
“Das war unverschämt von mir“, meinte Gerlinde, als ihr klar wurde, wie viel sie gegessen hatte.
“Ich hab' gesagt, dass ich kiloweise Keks zu Hause habe. Außerdem, so gut wie ich ausschaue.“
Plötzlich legte Gerlinde die Hand auf ihren Bauch und hielt den Atem an.
“Was ist? Spürst du was?“, fragte Sabine.
“Ja! Zum ersten Mal!“
“Darf ich?“ Sabine streckte ihre Hand aus.
“Ja, gerne.“
“Ich glaube, ich spür auch was!“ Sabine war zwischen Begeisterung und Rührung hin und her gerissen.
In jenem Moment öffnete sich die Tür des Besprechungszimmers und die Teilnehmer traten heraus. Gerlinde beugte sich weit nach vorne, um sie besser sehen zu können. Allesamt machten ernste Gesichter und redeten wild durcheinander. Nur allzu gerne hätte Gerlinde verstanden, worum es dabei ging, doch sie sprachen eindeutig zu leise. Als letzter verließ Clifford den Raum. Er war wie sonst auch ganz in Schwarz und hielt, passend zu seinem Outfit, einen ebenso schwarzen Ordner in der Hand. Sein Gesicht war nachdenklich und ernst.
“Clifford!“, rief Sabine und deutete auf Gerlinde, „Besuch für dich.“
Als er sie sah, erhellte sich seine Miene und er winkte ihr zu.
“Meine Übersetzerin!“, lachte er und gab ihr zur Begrüßung rechts und links einen Kuss auf die Wangen, „Wie geht es dir? Was machen Dennis und Alexander?“
“Mir und den Kindern geht es gut. Aber mit Richard gibt es ein unerwartetes Problem.“ Gerlinde blieb sitzen und blickte zu Clifford auf. Von unten wirkten seine Augen noch schwärzer und strenger.
“Willst du hier darüber reden oder sollen wir ins Besprechungszimmer gehen?“, fragte er.
“Wir können ruhig hier bleiben. Ich habe vor Sabine keine Geheimnisse.“
“Das ist schön“, Clifford ging vor Gerlinde in die Hocke und legte den Aktenordner in seinen Schoß, „ich bin ganz Ohr.“
Gerlinde bemerkte Sabines wachsende Neugier, traute sich aber nicht, Clifford zu sagen, dass sie nun doch lieber allein mit ihm sprechen wollte. Er könnte sie für wankelmütig halten und sie wollte bei ihm unbedingt den bestmöglichen Eindruck hinterlassen.
“Richard ist krank. Er hat Lungenentzündung.“
“Oje, der Arme!“, seufze Sabine laut.
Ein intensiver Blick von Clifford genügte und Sabine verließ die Küche. Gerlinde schauderte, doch im Nu waren seine Augen wieder verständnisvoll und friedlich.
“Sprich weiter!“, sagte er.
“Ich habe Angst um ihn. Er braucht mich.“
“Selbstverständlich.“
“Du bist mir nicht böse?“
“Warum soll ich dir böse sein?“ Clifford nahm Gerlindes Hände, die auf ihren Oberschenkeln ruhten.
“Ich werde ihn bestimmt verlassen. Nur im Moment geht es nicht.“
“Schon klar“, sagte er mit leiser, ruhiger Stimme.
Trotzdem Gerlinde die Wärme seiner Hände spürte, lief ihr Gänsehaut über den Rücken.
“Mit deiner Übersetzung kann ich aber sofort anfangen, wenn du willst.“
“Es eilt nicht.“
“Und ich darf euch weiterhin besuchen kommen?“
“Jederzeit und so oft du willst. Du gehörst zu uns.“ Seine Augen funkelten.
“Das ist schön. Ich danke dir!“
“Du brauchst dich nicht bedanken. Nächstenliebe ist oberstes Gebot.“
“Wie viele Tage vorher müsst Ihr wissen, dass ich bei euch einziehe?“
“Herrn Hinterberger hast du schon kennen gelernt. Ihr könnt jederzeit einziehen“, Clifford ließ ihre Hände los und holte eine Visitenkarte aus der Innentasche seines Blazers, „auch in der Nacht. Wenn es so weit ist, rufst du mich an. Entweder hole ich dich mit meinem Auto oder wir treffen uns vor dem Eingang zur Wohngemeinschaft. Dein Taxi bezahlt 'Union of Mankind'.“
“Du weißt gar nicht, wie froh ich bin, dass es dich gibt.“ Gerlinde steckte die Visitenkarte in die Handtasche und rutschte vorsichtig vom Hocker.
Clifford begleitete sie bis vor die Tür und drückte ihr zum Abschied wieder einen Kuss auf beide Wangen. Doch diesmal waren sie länger und intensiver. Obwohl ihre Gefühle für ihn widersprüchlicher nicht hätten sein können, fühlte sich Gerlinde immer stärker in seinen Bann gezogen.
"Der Pahaismus"
zu bestellen bei: jungmartina.autor@gmail.com
Wissenschaftliche Abhandlung über eine bislang viel zu wenig beachtete philosophische Strömung, die die Welt verändern kann. Sofern man sie lässt ...
Leseprobe:
Einleitung der Abhandlung:
Der Pahaismus wurde an einem sonnigen Spätsommersonntag im Wiener Stadtpark geboren. Erblickte also im September das Licht der Welt, was ihn zu einer waschechten "Jungfrau" macht. Diesem Sternzeichen sollen Eigenschaften wie Genauigkeit, Beständigkeit, ja sogar Akribie zu Eigen sein. Der Pahaismus jedoch erhebt für sich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Das liegt nicht in seinem Sinn. Er will zum Nachdenken anregen, vielleicht ein wenig provozieren, aber vor allem unterhalten und Spaß machen. Ganz besonders mag er alle der Freude entspringenden hörbaren Äußerungen wie Kichern, Glucksen, Lachen, Grölen, Frohlocken und Wiehern. Seine Aufgabe und seinen tieferen Sinn sieht er gerne in einer Aussage des Begründers zusammengefasst: "Es gehört verdammt juchhu mehr Freude auf diese Welt!" Und Freude hatte zumindest die Autorin beim Verfassen dieser Abhandlung.
Im Zuge einer näheren Beschäftigung mit dem Pahaismus erklärt sich vieles von selbst und lässt trotzdem mehrere Interpretationsmöglichkeiten offen. Eben ganz der Freiheitsliebe des Pahaismus entsprechend. Sogar der Autorin selbst bleibt manches, wofür es zumindest derzeit keine nähere Erklärung gibt, rätselhaft. Diese Tatsache soll den Leser nicht davon abhalten, die letzten Geheimnisse, die der Pahaismus in sich birgt, zumindest für sich selbst endgültig zu lösen.
Noch ein Hinweis in eigener Sache, und zwar zur Aussprache des Wortes "Pahaismus": Die Betonung liegt einzig und allein auf dem "i". Das bedeutet folglich, dass die Buchstaben "a" und "i" getrennt von einander und nicht als "ai" ausgesprochen werden.
Der Vereinfachung halber wird in folgender Abhandlung stets vom Pahaisten in seiner grammatikalisch-männlichen Bedeutung gesprochen. Selbstverständlich sind mit jener Bezeichnung auch alle weiblichen Wesen gemeint, die dem Pahaismus jemals in irgendeiner Form nahe gekommen sind. Nun aber genug der einleitenden Worte und hinein in "medias res", wie der alte Lateiner zu sagen pflegte ...
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